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Erfahrungen aus der Erkundungsphase

In Kontakt kommen mit dem Sozialraum

Interview mit Edith Ries (stellvertretende Leiterin des Synodenbüros) und Dr. Alexander Knauf (Referent Sozialraumorientierung und Gemeinwesenarbeit Caritasverband für die Diözese Trier e.V.)

 

Was stand hinter der Idee der Erkundung?

Ries:  Die Idee war, als Kirche hinaus zu gehen zu den Menschen, in ihre Lebenswelt vor Ort, und zu schauen, welche Themen sie bewegen und motivieren, was sie bedrückt und was sie von Kirche erwarten und benötigen. Es ging darum, Interesse für Neues zu wecken, bisher Unbekanntes zu entdecken, aber auch Altbekanntes und Bewährtes neu in den Blick zu nehmen.

Dem Bischof war es sehr wichtig, dass wir auf neue und unbefangene Art und Weise in die Räume gehen. Dabei musste nichts „Großes“ herauskommen, im Sinne von Projekten und Initiativen. Die kleinen und unscheinbaren Dinge sollten in den Blick kommen – die Begegnungen waren wichtig und zählten.  

Wenn man von einem Ziel sprechen kann, dann haben wir einen gemeinsamen Entdeckungs- und Lernprozess angestoßen, der professionell von den Erkunderinnen und Erkundern begleitet und unterstützt wurde. Wir wollten den Menschen vor Ort Lust machen, sich mit uns auf diesen gemeinsamen Weg zu begeben.

 

Zuhause „in die Fremde gehen“

 

Welche Methoden wählte man für diese Erkundung?

Knauf: Es ging dem Bischof bei der Idee der Erkundung nicht darum, detaillierte Berichte oder wissenschaftlich aufbereitete Statistiken über den Zustand der Pfarreien und ihrer verschiedenen Angebote zu verfassen. Das Erlebte sollte vielmehr in eine Art Erfahrungsbericht und Ideensammlung einfließen – beispielhaft und exemplarisch. Dafür wurde die Methode der Sozialraumerkundung gewählt. Ich erkläre das immer ein bisschen wie mit den Grundzügen der Ethnografie. Die frühen Weltentdecker und Forscher fuhren zum Beispiel auf eine Südseeinsel. Dort dokumentiert und kartographiert der Forscher nicht etwa alles, was er sieht, sondern er bringt von der Insel einige ausgewählte Tiere, Pflanzen oder Erzählungen über Gebräuche mit, die ihm interessant erscheinen. Zuhause staunen und freuen sich die Menschen darüber und überlegen, was sie jetzt mit diesen Dingen für sich selbst anfangen können. Ein bisschen so war es mit der Erkundung: Denn ich kann ja auch Zuhause „in die Fremde gehen“. Es ist ja das Verführerische, zu sagen: Ich wohne schon lange in der Pfarrei oder bin im Bistum unterwegs, da gibt es nichts, was ich nicht schon kenne. Sondern ich tue jetzt mal so, als sei ich neu hier. Dann habe ich einfach einen weiteren Blick dafür, was es überhaupt gibt. Dabei sollte nicht eine Lösung herauskommen, was kann ich anders oder besser machen. Das wäre eine falsche Erwartung gewesen.

 

Gemeinsames Projekt von Bistum und Caritas

 

Was hatte man sich vorher von Seiten des Bistums von der Erkundung erhofft?

Ries:  Durch die Erkundung haben wir uns erhofft, ganz vielfältige Eindrücke in die Lebenswelt der Menschen zu bekommen. Es sollte nicht aus allem ein riesiges Projekt entstehen. Manchmal ist es auch nur ein gutes Gespräch, das vielleicht bei der anderen Person einen guten Eindruck hinterlässt. Manchmal wird aus Ideen vielleicht ein diakonisches Projekt. Alles war offen. Ganz oft findet sich in den Berichten die Aussage, dass die Leute es positiv aufgenommen haben, dass Kirche einfach mal „herauskommt“, zuhört und fragt. Ein Ziel war natürlich schon, mit Menschen in Kontakt zu kommen, die der Kirche fernstehen, und zu schauen, was sind deren Anliegen und Perspektiven.

Wie setzten sich die Teams zusammen und was war der Gedanke dahinter?

Knauf: Die Erkundung war ein großes gemeinsames Projekt von Bistum und Caritas. In jedem der zehn Teams sollte eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter der Caritas dabei sein. Die anderen 20 Personen kamen von Seiten des Bistums. Darunter waren beispielsweise auch eine Sozialarbeiterin, eine Erzieherin und eine Pfarrsekretärin. Die unterschiedlichen Perspektiven und Kulturen des Arbeitens von pastoralen und Caritasmitarbeitern sollten einfließen und sich gegenseitig befruchten.

Ein positiver Effekt war, dass es durch diese Teams auch so etwas wie eine kircheninterne Weiterentwicklung gab. Die Caritasmitarbeiter konnten durch die gemeinsame Arbeit vielleicht nochmal mehr ihr Profil schärfen unter dem Aspekt: Wieso arbeite ich ausgerechnet bei einem katholischen Wohlfahrtsverband und was bedeuten die mir wichtigen christlichen Werte für meine Arbeit. Und die Bistumsmitarbeiter haben in diesen Teams die Arbeitsweisen der Caritasmitarbeiter kennengelernt – die viel abhängiger von kommunalen oder anderen institutionellen Stellen und Strukturen sind.

 

Raumgliederung ist nicht das wichtigste

 

Auf welche Reaktionen stießen die Teams vor Ort?

Ries: Die Reaktionen waren sehr heterogen; es gab kein einziges Team, das durchweg nur positive oder nur negative Erfahrungen gemacht hat. Was fast allen passiert ist, war, dass sie auf eine Erwartungshaltung trafen, dass sie den Reformprozess erklären sollten. Das lag mitunter auch daran, dass die Erkundung genau mit der Diskussion um die Strukturfragen und die neue Raumgliederung der Pfarreien der Zukunft zusammenfiel. Die Teams sollten aber keine „Synoden-Botschafter“ sein – das war nicht ihre Rolle. Oft wurde aber allein die Tatsache, dass sie im Gedanken der Synode kamen, um vor Ort mit den Leuten zu sprechen und das Interesse der Kirche sichtbar zu machen, positiv aufgenommen. Viele stießen auf positives Feedback und wurden offen aufgenommen.

Knauf: Es gab eben auch die Reaktion, dass die Teams als so eine Art „Controlling-Instrument des Bistums“ wahrgenommen wurden. Viele Teams bekamen da einiges an Kritik ab und waren eine Art Prellbock. Sozialräumlich in Pfarreien zu gehen – das gab es so grundlegend noch gar nicht. Das konnten viele Leute erstmal nicht auseinanderhalten. Aber es gab zum Glück immer wieder Menschen, die Miterkunder werden wollten. Und die begannen zu verstehen, was Synode wirklich will. Dass Raumgliederung nicht das wichtigste ist, sondern der pastorale Prozess des Hinschauens.

Hinschauen: Mehr kirchliches Leben als erwartet

Wie bewerten Sie die bis jetzt vorliegenden Ergebnisse der Erkundung?

Ries:  Es gibt eine Dankbarkeit für das, was man alles entdeckt hat, aber auch eine Dankbarkeit vieler vor Ort für das Interesse, auch gegenüber den Miterkundern, die das alles ehrenamtlich gemacht haben. Das ist ein echter Gewinn, der sich für die Pfarreien der Zukunft auswirken wird, weil die Erkundungsberichte nun auch als Instrumente dienen können.

Knauf: Eine einhellige Rückmeldung war, dass es einen Mehrwert von der gemeinsamen Arbeit in den Teams gibt. Ebenfalls ein Aha-Effekt: Die Erkenntnis, dass mehr aktives kirchliches Leben stattfindet, als erwartet – abseits von leerer werdenden Kirchen. Ich lade auch ganz explizit alle Menschen dazu ein, sich die Berichte anzuschauen. Kirchenferne, um mal zu sehen, was Kirche alles so macht in der eigenen Stadt, dem eigenen Dorf, aber auch aktiv kirchlich engagierte Menschen, um zu sehen „was läuft links und rechts von meinem Bereich“.

 

Erkundung als grundlegende Haltung geht weiter

 

Ist die Erkundung nun zu Ende?

Ries: Die Erkundungsphase als eigene Phase im Umsetzungsprozess ist beendet. Das Erlebte ist von den Erkundern dokumentiert worden und erscheint nun nach und nach auf unserer Homepage (erkundung.info). Alle Dokumentationen stehen der Öffentlichkeit zur Verfügung und können dort eingesehen werden.

Allerdings ist das Erkunden selbst nicht zu Ende. Denn dies wird eine grundlegende Haltung und ein grundlegendes pastorales Instrument sein, mit dem in den Pfarreien zukünftig gearbeitet werden soll.

(Interview: Simone Bastreri, Bischöfliche Pressestelle Trier)